Lernprozesse im Training 
gestalten (Nr.27)

Welche Prozesse sind wichtig für ein erfolgreiches Training?


Wenn das Seminargeschehen in vollem Gange ist, ist es notwendig, von Zeit zu Zeit darauf zu achten, wie der Seminar- bzw. Lernprozess verläuft. Der Lernprozess ist der Weg zum Seminarziel. Dieser kann geradlinig und zielgerichtet, aber manchmal auch holprig sein und Nebenwege beschreiten.

Da Training immer in Gruppen stattfindet und Gruppen aus Menschen bestehen, lässt sich ein Training nicht hundertprozentig planen. Gruppendynamische Prozesse beeinflussen wesentlich das Lernklima, die Lernfähigkeit der Teilnehmer und schließlich den gesamten Lernerfolg. Erst wenn mögliche Störungen beseitigt sind, ist der Kopf frei für das eigentliche Thema.

Viele Trainer konzentrieren sich bei Seminaren hauptsächlich auf die Inhalte und deren Vermittlung.

 

Mindestens genauso wichtig wie die Inhalte, ist jedoch die Gruppe als Ganzes und der Einzelne in der Gruppe. Sich gegen Ende des Seminars Gedanken zu dessen Verlauf zu machen, ist unter Umständen schon viel zu spät, da man keinen Einfluss mehr nehmen kann. Daher ist es wichtig, sich regelmäßig mit dem Seminarprozess zu beschäftigen und sich auch zwischendurch Rückmeldungen bei den Teilnehmern zu holen.

Alles ist im Fluss.Heraklit

 

In Trainingszusammenhängen lassen sich drei Arten von Lernprozessen unterscheiden.

a) Der inhaltliche Prozess

Dieser bezeichnet, wie man selbst mit den Inhalten vorankommt und welche Themen für die Gruppe ganz besonders wichtig sind bzw. im Vordergrund stehen. Einzelne Lernmodule müssen verständlich vermittelt werden. Auch wenn das Seminarthema feststeht, können neue Interessen und Bedürfnisse bezüglich der Inhalte von den Teilnehmern kommen.

Als Trainer ist es wichtig, immer die Inhalte im Auge zu behalten, um Teile davon eventuell zu kürzen oder herauszunehmen und vielleicht andere hinzuzunehmen oder zu vertiefen. Als Trainer benötigt man eine hohe inhaltliche Flexibilität, um zielgerichtet auf die Teilnehmerbedürfnisse einzugehen. Um jedoch diese Flexibilität zu erreichen, braucht es auch eine gewisse Erfahrung mit den Inhalten.

 

b) Der Gruppenprozess

Der Gruppenprozess beschreibt, was gerade in der Gruppe vorgeht oder sich entwickelt. Lernen findet immer auch in der Gruppe statt. Die Gruppenstimmung und die Gruppenentwicklung beeinflussen das Lernen.

Jeder Trainer hat selbst schon die Erfahrung gemacht, dass den Teilnehmern das Lernen in einer intakten Gruppe leichter fällt. Und umgekehrt, wenn es Konflikte in der Gruppe gibt, fällt den Teilnehmern das Lernen schwerer, es entstehen Lernblockaden und für den Trainer kann das Training zäh und unbefriedigend werden. Auch die individuelle Seminarzufriedenheit wird stark von der Gruppenatmosphäre beeinflusst.

Somit hat jeder Trainer die Aufgabe, zunächst eine offene Lernatmosphäre und Arbeitsfähigkeit zu entwickeln, damit das Lernen auch funktioniert. Wenn diese positive Gruppenatmosphäre hergestellt ist, muss der Trainer darauf achten, dass diese erhalten bleibt oder weiter gefördert wird.

Wenn beispielsweise die Gruppenstimmung am Boden ist, sollte der Trainer versuchen, durch ein klärendes Gespräch oder eine Übung diese zu beeinflussen. Wobei in einem Seminar nicht immer und zu jeder Zeit eine gute Stimmung herrschen muss. Auch schlechte Stimmung gehört zum Leben und Lernen und damit zu einem Seminar. Jedoch kann der Trainer die Stimmung beeinflussen.

 

c) Der individuelle Lernprozess

Jede Gruppe besteht aus Individuen, die ihre persönliche Lerngeschwindigkeit haben und unterschiedliche Lernerfahrungen gemacht haben. Beim individuellen Lernprozess fragt sich der Trainer, wie einzelne in der Gruppe vorankommen bzw. wie es einzelnen in der Gruppe geht. Manche Teilnehmer müssen im Lernprozess individuell gefördert oder unterstützt werden. Deswegen ist es immer wieder wichtig auch jeden einzelnen Teilnehmer im Auge zu behalten und auf jeden individuell einzugehen.

 

Alle drei Lernprozesse muss der Trainer beachten und diese auch gestalten. Fast nach jedem Trainingsabschnitt ist es wichtig, sich zu fragen, wie diese drei Prozesse gerade laufen und diese Einschätzung mit in die Seminarplanung einfließen zu lassen. Der Trainer führt, wie ein Arzt, zunächst eine Diagnose durch und je nachdem, wie die Ist-Situation ist, plant er die nächsten Schritte.

Wenn man die drei Lernprozesse berücksichtigt, muss man zwangsläufig eine rollende Seminarplanung oder prozessorientierte Seminargestaltung durchführen. Feste Seminarablaufpläne sind gut für die Seminarvorbereitung. Verändern sich die Seminarprozesse jedoch stark, ist es natürlich sinnvoll, auch von den eigenen Plänen abweichen zu können. Je weiter man im Seminarprozess fortgeschritten ist, desto stärker kann man die Teilnehmer in die Planung einbeziehen, was zu einer höheren Verantwortlichkeit und Selbststeuerung der Gruppe führt.

 

 

Fragen für die Prozessreflexion Für eine Diagnose des Seminarprozesses ("Prozessreflexion") sind folgende Fragen hilfreich:

a) Der inhaltliche Prozess

" Wie kommt man mit den Inhalten voran? "

"Welche neuen Themen sind aufgetaucht, die besprochen werden sollten? "

"Wo liegen Lernwünsche und Lernbedürfnisse? "

"Bei welchen Themen ist wenig Interesse vorhanden? "

"Welche Themen müssen unbedingt behandelt oder vertieft werden? " "Können Themen gekürzt oder vertieft werden? "

"Kann der Zeitrahmen eingehalten werden? "

"Müssen die Inhalte mit den Teilnehmern neu abgestimmt werden?

 

b) Der Gruppenprozess

" Ist die Gruppe arbeitsfähig? "

"Welche Motivation bringt die Gruppe mit? "

"Wie entwickelt sich die Gruppe? "

"Wie ist die Gruppenstimmung? "

"Ist eine offene Lernatmosphäre vorhanden? "

"Gibt es verdeckte oder offene Konflikte in der Gruppe? "

"Gibt es irgendwelche Störungen in der Gruppe? "

"Wie ist mein Verhältnis als Trainer zu der Gruppe bzw. zu Einzelnen in der Gruppe? "

"Wie kann die Gruppenentwicklung weiter gefördert werden? "

"Muss die Gruppendynamik der Gruppe als Thema bearbeitet werden?"

 

c) Der individuelle Lernprozess

" Wie geht es Einzelnen in der Gruppe? "

"Wie steht es um die Lernfähigkeit und Lernbereitschaft der Einzelnen? " Welche Teilnehmer müssen besonders gestützt oder gefördert werden? "

"Müssen mit Einzelnen Sondervereinbarungen getroffen werden? "

"Wie verläuft das Lernen jedes Einzelnen? "

 

Autor: Ingo Krawiec, Krawiec Consulting

Zweite, überarbeitete Fassung vom 05.08.2014