Reframing als Gesprächsfertigkeit
Wie du neue Sichtweisen schaffen kannst - Reframing
Der Begriff Reframing bedeutet wörtlich „neu rahmen“ oder „umdeuten“. Beim Reframing bekommt ein Ereignis, ein Verhalten oder ein Problem eine neue Bedeutung, indem es in einen anderen Kontext („Frame“) gestellt wird.
Ein einfaches Bild hilft: Ein Gemälde wirkt je nach Rahmen völlig unterschiedlich. Genau so kann sich auch die Bedeutung einer Situation verändern, wenn du den „Rahmen“, also den Blickwinkel, änderst.
Warum Reframing wirkt
Unsere Wahrnehmung ist immer kontextabhängig. Ohne Kontext ist eine Information kaum zu verstehen.
Beispiel:
Der Satz „Jetzt reicht’s!“ bedeutet beim Kartoffelkauf etwas völlig anderes als im Streit mit dem Partner.
Der Rahmen, in dem wir etwas sehen, bestimmt also die Bedeutung – und damit auch unsere emotionale Reaktion.
Wenn du den Rahmen veränderst, veränderst du automatisch, wie jemand denkt, fühlt und handelt.
Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Bedeutungen, die wir ihnen geben.
Humorvolles Beispiele
Ein Reframing kann auch humorvoll sein:
Gast: „Herr Ober! In meiner Suppe schwimmt eine Fliege!“
Ober: „Toll! Normalerweise meiden Fliegen unsere Suppen.“
Oder:
Ein Bettler klopft an ein Haus in Oberbayern. Eine ältere Frau öffnet das Fenster. Bettler: „Gute Frau, ich habe seit drei Tagen nichts gegessen!“ Oma: „Musst dich halt zwingen – bei meiner letzten Diät war’s am Anfang auch schwer!“
Beide Situationen zeigen: Wenn man den Rahmen wechselt, bekommt dieselbe Aussage plötzlich eine ganz neue Bedeutung.
Was passiert beim Reframing?
Beim Reframing werden Probleme, Schwächen oder Krisen nicht mehr als Störungen gesehen, sondern als Hinweise auf Bedürfnisse, Entwicklung oder Ressourcen. Etwas, das zunächst negativ erscheint, kann in einem anderen Licht betrachtet – auch eine Stärke oder Chance sein.
Die zentrale Frage lautet:
- In welchem Kontext könnte dieses Verhalten sinnvoll oder sogar hilfreich sein?
Die Grundannahmen des Reframing
(nach Schlippe & Schweitzer)
- Jedes Verhalten ist in einem bestimmten Kontext sinnvoll.
Auch wenn es im Moment unpassend wirkt, hatte es irgendwann einmal eine Funktion. - Menschen haben keine losgelösten Eigenschaften.
Jede Eigenschaft zeigt sich erst in einem bestimmten Zusammenhang. - Jedes Verhalten erfüllt einen Zweck.
Es dient dem inneren Gleichgewicht oder dem Überleben des Systems (z. B. Familie, Team, Organisation). - Es gibt keine wirklichen Defizite – nur Fähigkeiten, die im falschen Kontext wirken.
Ein Verhalten, das hier stört, kann in einem anderen Umfeld sehr nützlich sein. - Jede vermeintliche Schwäche hat eine starke Seite.
Hinter Übervorsicht steckt Verantwortungsbewusstsein, hinter Ungeduld Tatkraft, hinter Aggressivität der Wunsch nach Klarheit.
Wozu dient Reframing in der Kommunikation?
Die wichtigste Funktion von Reframing ist, eine neue Sichtweise einzuführen – ohne zu belehren oder zu werten.
Es eignet sich hervorragend, um bei Kritik, Einwänden oder Konflikten elegant und lösungsorientiert zu reagieren.
Statt gegen Widerstände zu argumentieren, veränderst du die Bedeutungsebene – und öffnest dadurch neue Denk- und Handlungsmöglichkeiten.
Reframing kann:
- festgefahrene Gespräche lösen,
- Spannungen abbauen,
- Selbstreflexion fördern,
- Motivation und Kooperation stärken.
Praktische Beispiele für Reframing
Beispiel 1
„Ich werde immer so schnell ärgerlich.“ → „Und du möchtest dir also mehr Möglichkeiten schaffen, deutlich zu machen, was dir wichtig ist?“
Das Verhalten (Ärger) wird nicht verurteilt, sondern als Kommunikationssignal verstanden.
Beispiel 2
„Der Mercedes ist aber sehr teuer.“ → „Natürlich. Dafür sind alle Teile von hoher Qualität – langfristig sparst du sogar Geld, weil der Wagen doppelt so lange hält.“
Der Fokus wird vom Preis auf den Wert und Nutzen verlagert.
Beispiel 3
„Wir streiten uns ständig.“ → „Ich finde es beeindruckend, wie intensiv ihr euch darum bemüht, in eurer Beziehung die richtige Nähe und Distanz zu finden.“
Hier wird aus Konfliktbereitschaft Beziehungsengagement – ein klassisches Reframing-Beispiel.
Wann und wie du Reframing einsetzen kannst
Im Training oder Coaching:
Wenn Teilnehmende sich abwertend über sich selbst äußern („Ich bin immer so chaotisch“), kannst du den Rahmen verändern („Das zeigt, dass du sehr spontan und kreativ bist“).
In der Führung:
Wenn Mitarbeitende Fehler machen, kannst du den Fokus vom Fehlverhalten auf den Lernaspekt lenken („Gut, dass du es ausprobiert hast – jetzt wissen wir, wie wir es verbessern können“).
In Konflikten:
Wenn Kritik geäußert wird, kannst du den positiven Kern sichtbar machen („Ich merke, wie wichtig dir das Thema ist – das zeigt Engagement“).
Fazit
Reframing ist eine der elegantesten Gesprächstechniken, um festgefahrenes Denken aufzulockern und neue Perspektiven zu eröffnen.
Es verwandelt Probleme in Lernchancen, Defizite in Ressourcen und Kritik in Anerkennung.
Wenn du Reframing beherrschst, kannst du in Gesprächen Spannung in Neugier verwandeln – und trägst aktiv dazu bei, dass Veränderung möglich wird.
Ein neuer Rahmen ändert nicht das Bild – aber wie wir es sehen.