Fragetechniken für Trainer und Lehrer I (Nr.43)

Wie können Fragen sinnvoll im Training genutzt werden?


Fragetechniken für Trainer und Lehrer I

Die alte Seminarweisheit "Wer fragt, der führt" gilt natürlich auch für Trainer. Der Trainer ist ein "professioneller Fragesteller". Die vom Trainer gestellten Fragen stellen ein Mittel dar, das den Teilnehmern das Verstehen der Inhalte erleichtern und damit beim Lernen helfen soll. Auch sollen sie dazu beitragen, Teilnehmergedanken zu stimulieren und die Teilnehmer zum ständigen Mitdenken anzuregen. Fragen an Teilnehmer sinnvoll zu formulieren und zur rechten Zeit zu stellen, stellt die große Kunst des Trainers dar. 
Gerade dann, wenn Inhalte fragend-entwickelnd mit den Teilnehmern erarbeitet werden, welches in den meisten Trainings heute phasenweise getan wird.

 

Wenn du eine weise Antwort willst, musst du vernünftig fragen.

Johann Wolfgang von Goethe


Der Trainer stellt Fragen, um

  • die Vorkenntnisse der Teilnehmer zu ermitteln
  • die Aufmerksamkeit der Teilnehmer zu wecken die Teilnehmer zu aktivieren
  • zum Nachdenken anzuregen
  • den Gruppenprozess zu steuern
  • einzelne Teilnehmer zu beraten
  • und den Lernfortschritt zu überprüfen

 

Beim Training nutzen Trainer drei Fragearten:

1. Inhaltsfragen
dienen dazu, Inhalte zu vermitteln und Denkprozesse anzuregen. Gerade bei mehr interaktiven Trainerinputs sind Fragen nicht mehr wegzudenken. Inhaltsfragen sollen die Teilnehmeraktivität fördern, eine partnerschaftliche Trainerrolle deutlich machen, besser Inhalte verankern, Erfahrungen der Teilnehmer einbeziehen und dadurch den Praxisbezug erhöhen.


2. Prozessfragen 
dienen dazu, den Gruppenprozess zu steuern, Probleme und Themen zu klären und Übungen zu initiieren und auszuwerten. Diese Fragen zielen auf die Steuerung und Lenkung des Lernprozesses. 

3. Beratungsfragen 
dienen kleinen Beratungssituationen innerhalb des Trainings. Es sind kleine Mini-Coachings, die der Trainer sowohl fachlich aber auch personenbezogen durchführt.


Es lassen sich folgende Inhaltsfragen unterscheiden:

1. Wissensfragen/Denkfragen

Wissensfragen sollen das vorhandene Wissen der Teilnehmer abfragen und auch das Mitdenken im Training erhöhen. Wissensfragen haben eine andere Funktion als in der Schule. Man will nicht die Leistung von Einzelnen abfragen, sondern die ganze Gruppe aktivieren. Deswegen werden Wissensfragen immer zunächst an die Gesamtgruppe gestellt. Durch Wissensfragen kann man sich auch ein Feedback über den Kenntnisstand der Gruppe bzw. das Verständnis der Gruppen bekommen. Denkfragen geben Problemstellungen vor und stellen die Teilnehmer vor neuartige Situationen oder Probleme. Sie fordern dazu auf, aus dem bisher Gelernten heraus Wissen zu finden und auf das Problem zu übertragen.

 

Wichtig ist in der Erwachsenenbildung, dass die Antworten wertschätzend aufgegriffen werden und falsche Antworten nicht entwertet werden. Es ist günstiger, in der Erwachsenenbildung mehr offene Frage zu stellen. Geschlossene Fragen laufen innerhalb eines Weges auf eine einzige Antwort hin. Sie können ausgehend von bisher bekannten Inhalten gelöst werden. Offene Fragen können über verschiedene Wege beantwortet werden und lassen verschiedene Lösungsmöglichkeiten zu. Sie regen zu neuen Denkrichtungen an und fördern die Kreativität.

Beispiele:
Was ist ein Konflikt?
Kennen Sie die vier Seiten einer Nachricht?
Was würden Sie hier tun?


2. Erfahrungsorientierte Fragen

Bei diesem Fragetyp werden die Praxiserfahrungen der Teilnehmer in das Training einbezogen und Inhalte an diese Erfahrungen angeknüpft. Dies ist sehr wertvoll, da man in der Erwachsenenbildung davon ausgehen kann, dass bestimmte Erfahrungen mit einem Themengebiet vorliegen. Wird die Theorie häufig an die Praxis angeknüpft, gibt es keine große Kluft zwischen Theorie und Praxis.

Beispiele:
Welche Erfahrungen haben Sie mit Preisverhandlungen?
Wie gestalten Sie die Vorbereitung einer Präsentation?
Wie haben Sie dieses Gerät bisher repariert?


3. Brainstormingfragen

Um in ein neues Thema oder Themengebiet einzuführen, ist ein Brainstorming hilfreich.
Der Trainer stellt eine offene Frage und schreibt alle Antworten der Teilnehmer auf ein Flipchart. Der Trainer kann danach die Antworten kommentieren oder ergänzen.

Beispiele:
Was fällt Ihnen zum Thema Konflikt ein?
Was löst das Wort "Stress" bei Ihnen aus?
Was heißt Mitarbeiter führen?
Welche Führungsinstrumente kennen Sie?


4. Transferfragen

Transferfragen sollen die Umsetzung des Gelernten in die Praxis fördern, d.h. das Trainingswissen wird mit der Teilnehmerpraxis verknüpft.

Beispiele:
Wie können Sie diese Fragetechnik in Ihrer Praxis nutzen?
Welche Anwendungsmöglichkeiten hat dieses Werkzeug für Sie?
Welche Nutzungsmöglichkeiten hat die Serienbrieffunktion für Sie?

 

5. Rhetorische Fragen

Rhetorische Fragen sind Fragen, die man an sich selbst stellt. Auf rhetorische Fragen erwartet niemand eine Antwort. Im Unterschied zu den normalen Fragen, wird nach der Frage keine lange Pause gemacht. Rhetorische Fragen lenken das Interesse und können motivieren zuzuhören. Rhetorische Fragen sind sehr sinnvoll, um zum Nachdenken anzuregen, einen Spannungsbogen aufzubauen, eine Aussage stärker zu betonen oder von den Teilnehmern (unausgesprochen) die gewünschte Antwort zu erhalten. Mit rhetorischen Fragen können PowerPoint-Folien eingeleitet werden oder man kann mit ihnen ein neues Thema einleiten. Rhetorische Fragen haben universelle Einsatzmöglichkeiten und sind bei Trainerinputs ein gutes Motivationsmittel. Allerdings sind echte Teilnehmerfragen immer aktivierender.

Beispiele:
Was sind die wichtigsten Erfolgsfaktoren im Training? … Folgende acht Faktoren...
Wie beeinflusst die Körpersprache die Wirkung des Redners? … Mindestens 50 % der Wirkung…

 

 

Folgende Dinge sind bei den Wissens- und Denkfragen zu beachten:

1. Zeit zum antworten lassen

Nach einer gestellten Frage sollte der Trainer Ruhe bewahren und dem Teilnehmer genügend Zeit zur Beantwortung der Frage einräumen. Viele Trainer halten diese Bedenkzeit viel zu kurz, weil sie die Antwort der Frage schon kennen oder diese Leerzeit nicht aushalten. Trainieren Sie, mindestens 3 Sekunden abzuwarten! Häufig ist es nicht einmal eine Sekunde, die die meisten Trainer warten und sich dann wundern, dass keine Antwort kommt. Wenn Sie merken, es kommt nichts, formulieren Sie die Frage mit anderen Worten. Sie sollten auch nicht zu lange auf einer Frage herumreiten (Nase-Pul-Fragen). Grundlage für eine schnelle Beantwortung von Trainerfragen ist ein offenes Seminarklima. Fragesequenzen (auch die konkreten Frageformulierungen) sollten vorbereitet werden.

 

2. Teilnehmern Zeit für die Antwort geben

Der Teilnehmer sollte ganz ausgeredet haben, bevor der Trainer auf die Antwort eingeht und darauf reagiert. Auch sollten die körpersprachlichen Signale des Trainers eine ermunternde Wirkung haben. Bei falschen Antworten sollte wertschätzend die richtige Antwort gegeben werden.


3. Nur eine Frage auf einmal

Es darf nur eine didaktisch wichtige Trainerfrage auf einmal gestellt werden (Vermeiden von Doppelfragen oder gar Mehrfachfragen). Zwei oder drei Frage auf einmal zu stellen verwirrt nur. Auch sollte bei der Wiederholung von Fragen die Formulierung beibehalten werden. Die Frage muss sprachlich eindeutig und inhaltlich korrekt sein, damit die Teilnehmer sie auch verstehen. Auch Ratespiele sollten vermieden werden (Denken Sie mal darüber nach, was ich jetzt denke), da Fairness und Offenheit ein Ziel im Training ist. Man will die Teilnehmer ja nicht reinlegen. 

 

4. Vermeiden Sie das Trainerecho

Eine wörtliche Wiederholung ganzer Teilnehmerantworten oder einzelner Teile sollte vermieden werden, es wirkt zuweilen 'papageienhaft' und führt dazu, dass die Teilnehmer auch nur in Fragmenten antworten. Eine Wiederholung in eigenen Worten kann hilfreich sein. 


5. Umgang mit unpräzisen Formulierungen

Der Trainer sollte bei unklaren bzw. unpräzisen Formulierungen nicht zu schnell von sich aus die Antwort eines Teilnehmers ergänzen. Vielmehr kann durch nachfassende Fragen versucht werden, eine gegebene Teilnehmerantwort qualitativ weiterzuentwickeln.


6. Frage zunächst an die gesamte Trainingsgruppe richten

Eine Frage sollte zunächst der gesamten Trainingsgruppe gestellt werden. Die Frage an einzelne Teilnehmer zu stellen impliziert die Gefahr, dass sich die anderen Teilnehmer aus dem Training ausklinken oder dass sich der befragte Teilnehmer bloßgestellt fühlt. 
Fragen an einzelne Teilnehmer kann man dann stellen, wenn man weiß, dass diese aufgrund von speziellen Kenntnissen diese zu 100 % beantworten können.

 

7. Auch ein Zuviel an Fragen ist nicht gut

Fragen sind gut, ein Zuviel an Fragen ist aber nicht gut. Natürlich kann man alles über Fragen entwickeln, aber an bestimmten Stellen sollte der Trainer auch eine klare Richtung vorgeben. Kettenfragen oder Verhörfragen sollten vermieden werden.

 

8. Fragen nicht zum disziplinieren verwenden

Anders als in der Schule sollte der Trainer in der Erwachsenenbildung Fragen nicht zum disziplinieren verwenden. Diese Fragen werden auch Killer- oder Fangschussfragen genannt. Der Trainer hat bemerkt, dass ein Teilnehmer träumt, stört oder mit Nebentätigkeiten beschäftigt ist. Er nimmt ihn nur dran, um ihn bloßzustellen: "Herr Müller, könnten Sie uns die Aufgabe noch mal erklären?" Wenn der Trainer mit einem Teilnehmer nicht klar kommt, sollte diese Störung im Training oder in der Pause offen angesprochen werden. Mit Fragen zu disziplinieren ist indirekt und damit nicht geeignet.

Autor: Ingo Krawiec, Krawiec Consulting

Zweite, überarbeitete Fassung vom 05.08.2014